Den Geruch der Angst ignorieren: Gehirn von Panikpatienten weicht den Signalen des Angstschweisses aus

Neurologie. – Angstschweiß hat etwas in sich, das das Gehirn des Riechenden so aktivieren kann, wie es normaler Schweiß nicht vermag. Grund sollen spezielle Pheromone sein. In gesunden Menschen, das konnten zahlreiche Studien belegen, kann der Geruch von Angstschweiß beispielsweise Empathie auslösen oder selbst furchtähnliche Reaktionen im Gehirn. Doch was bedeutet Angstschweiß für Menschen, die ohnehin schon überempfindlich auf angstauslösende Reize reagieren?


von Martina Preiner

Regelmäßige Panikattacken, ununterbrochene Anspannung, Angst vor dem nächsten Angstanfall: Das Leben mit Panikstörung. Oftmals reicht schon eine kleine körperliche Unregelmäßigkeit wie ein schnellerer Herzschlag um eine Panikattacke auszulösen. Warum also nicht auch Angstschweiß – der Geruch, mit dem die Patienten eine Panikattacke verbinden – dachte sich die Dresdner Psychologin Gloria Wintermann. Sie hat eine Pilotstudie mit dreizehn Patienten gestartet, die an Panikstörung leiden und dreizehn gesunden Kontrollpersonen. Mit dem Kopf im Magnetresonanztomographen, um die Aktivität einzelner Hirnareale zu messen, bekommen die Probanden vier unterschiedliche Gerüche vorgesetzt.

„Und zwar Schweißgerüche und Gerüche die keine Körpergerüche sind. Das war zum einen Pfirsichgeruch – als positiver Vergleichsgeruch – und zum anderen künstlicher Schweiß als negativer Vergleichsgeruch.“

Die anderen beiden Schweißgerüche sind Proben von Freiwilligen, nicht von den Probanden selbst. Denn Angstschweiß, das weiß man aus vergangenen Studien, wirkt körperübergreifend. Um ihn zu produzieren, müssen sich die Freiwilligen einer Prüfungssituation unterziehen. Für den Kontrollschweiß strampeln sie einfach einige Zeit auf einem Ergometer. Geruchssignale – egal welcher Herkunft – aktivieren normalerweise ohne große Umwege die Amygdala, das Emotionszentrum des Gehirns. Als solches spielt sie auch bei der Entstehung und Verarbeitung von Angst eine entscheidende Rolle. Ihre Informationen laufen direkt an das Tor zum Gedächtnis, den Hippocampus. Bei den gesunden Probanden stellte sich unabhängig vom Geruch eine Aktivierung beider Hirnregionen ein. Bei den Patienten mit Panikstörung hätte Wintermann mit einer ähnlichen Wirkung gerechnet. Und nach Einatmen des Angstschweißes sogar mit einer heftigeren Reaktion, also einer Art Furchtreaktion.

„Das Interessante ist: wir haben beim Panikpatienten keine Amygdala-Aktivierung und wir haben auch keine Hippocampus-Aktivierung gefunden. Stattdessen haben wir eben frontale Aktivierungen gefunden. Also sozusagen in Arealen, die eher mit der kognitiven Kontrolle von emotionalen Prozessen, also mit Steuerungsprozessen, mit willentlichen Prozessen verbunden sind.“

Statt der erwarteten Furcht löst der Angstschweiß im Gehirn der Panikpatienten wohl eine unbewusste Vermeidungsreaktion aus. Dies läuft in einem schon bekannten kleinen Hirnareal ab, das innerhalb des präfrontalen Kortex liegt – also der Region im Gehirn, die Angstsignale bewertet. Gloria Wintermann vermutet, dass sich das Gehirn der Patienten auf diese Weise vor einer potentiellen Angstattacke zu schützen versucht. Frühere Untersuchungen der aktivierten Hirnstruktur scheinen ihr Recht zu geben.

„In der Literatur wurde auch häufig diese Struktur, die wir gefunden haben, entdeckt. Und die steht zum Beispiel in Verbindung mit Erwartungsängsten. Also das ist schon Teil eines Furchtnetzwerkes, der präfrontale Kortex – der eben vor allem bei Vermeidungsverhalten eine Rolle spielt.“

Menschen mit Panikstörung versuchen kritischen Situationen aus dem Weg zu gehen. Offenbar macht ihr Gehirn dasselbe. Das heißt aber nicht, dass so die Gefahr einer Panikattacke gebannt ist. Gloria Wintermann glaubt, dass sich durch den Angstschweißgeruch die Erwartungsangst der Patienten erhöht. Deshalb will sie in weiteren Versuchen herausfinden, ob der Angstschweiß bei Panikpatienten die Angst vor ungeliebten Alltagssituationen verstärken kann. Es werden noch einige Freiwillige weiterschwitzen müssen. Auch unter extremen Bedingungen wie einem Fallschirmsprung. Der daraus gewonnene Angstschweiß soll viel intensiver sein als der, der während einer Prüfung entsteht.

Quelle: Deutschlandradio, abgerufen am 24.04.2012 10:50 Uhr

 

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